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Die Informationsgesellschaft stellt für Industrieuntemehmen eine
grosse Herausforderung dar. Tatsächlich schaffen das Internet und
die verschiedenen Intranetssysteme einen neuen Markt und einen neuen Finanzraum.
In naher Zukunft werden die Erweiterung der Leistungsfähigkeit, der
Einsatz von Telekomsatelliten,- die Vereinfachung der Betriebsverfahren,
die tieferen Computerpreise und die Senkung der Kommunikationskosten die
Entstehung von "network media", also der Multimediakommunikation
in Realzeit, vorantreiben. Die Medien der Zukunft werden aus der Verbindung
des digitalen Fernsehens mit dem Internet entstehen und wesentliche Fragen
in den Bereichen Industrie, Wirtschaft, Politik und Kultur aufwerfen.
Eines der wichtigsten Phänomene unserer Zeit ist das explosionsartige
Wachstum der multimedialen Netzwerke. Wir stehen vor einem neuen "Zeit-Raum",
in dem Zeitspannen und Distanzen kleiner werden, was zu einer grundlegenden
Veränderung der politischen, wirtschaftlichen und gewerblichen Spielregeln
führt. Durch Aufkommen und Ausbreitung von Kommunikationsnetzen auf
der Basis von Computer und Telefon ist ein technologisches System entstanden,
das sich rasch weiterentwickelt. Frankreich hat mit Télétel
und Minutel den Weg aufgezeigt, der auf globaler Ebene mit dem Internet,
dem Netzwerk der Netzwerke, fortgeführt wird. Zusätzlich zu den
pyramidalen Systemen der Informationsverbreitung (Fernsehen, Radio, Printmedien)
entstehen nach und nach neue, horizontale Strukturen, Zeichen einer Gesellschaft,
die geprägt ist durch individuelles Schaffen sowie den Vertrieb und
die Vermarktung verschiedenster Produkte. Der Eintritt in den Cyberspace
birgt eine Unmenge von Möglichkeiten, über die man sich heute
noch kein richtiges Bild machen kann. Dies gilt vor allem auch für
Frankreich, wo die meisten Vertreter der Elite das Internet lediglich als
eine weitere neue Technologie betrachten. Doch das Internet ist keine neue
Technologie, sondern ein integriertes System zur gemeinsamen Nutzung der
Ressourcen - ein Ökosystem von Informationen, das aus verschiedenen,
voneinander abhängigen Elementen (Computer, Modern, Netzwerke, Software,
Zugangsprovider, Anbieter von Inhalten...) besteht.
Das Internet basiert auf einem Übertragungsprotokoll, das mit Hilfe
von Computern und unter Verwendung der weltweit 700 Millionen Telefonleitungen
die gemeinsame Nutzung von Ressourcen auf globaler Ebene ermöglicht.
Die Frage ist nicht mehr, ob man "für" oder "gegen"
das Internet sein soll. Es geht heute vielmehr um die Zugangsbedingungen
zu diesem neuen wirtschaftlichen, soziologischen und kulturellen "Zeit-Raum",
der sich durch die neuen Kommunikationssysteme eröffhet hat. Damit
der Zugang möglich ist, müssen die beteiligten Netzwerke verbunden
werden können und kompatibel sowie austauschbar sein. Der individuelle
Verbindungsaufbau ist die grosse Stärke des Web, der multimedialen
Grundlage diese neuen kybernetischen "Zeit-Raums".
1. Die vernetzte Wirtschaft
Im Cyberspace werden die bisher geltenden Regeln der Wirtschaft in Frage
gestellt, während drei Parameter für internationale Wettbewerbsfähigkeit
in den Vordergrund rücken: Geschwindigkeit, Intelligenz und Anpassungsfähigkeit.
Nationen und Unternehmen, die bestimmte Bereiche des Cyberspace als erste
erobern und besetzen, können von diesem Vorsprung profitieren. Wie
die Biologie zeigt, muss ein Lebewesen sehr viel Energie aufwenden, wenn
es eine andere Spezies verdrängen will, die sich eine ökologische
Nische gesichert und sich darin eingerichtet hat. Entsprechend riegeln
Nationen und Unternehmen, die als erste die neuen Nischen des Cyberspace
besetzen, den eroberten Bereich ab - ein Phänomen, das den Ökonomen
der neuen Generation bestens bekannt ist und von ihnen als "lock-in-Effekt"
bezeichnet wird. Wer zu spät kommt, wird bestraft. Es sind nicht die
neuen technologischen Möglichkeiten, welche die Menschen, die Denkweisen
und die sozialen Strukturen verändern, sondern der neue "Zeit-Raum",
der neue Entwicklungsbedingungen für die menschliche Gesellschaft
schafft. Gleichzeitig wirft seine abrupte Ausweitung ein Grundproblem auf.
Wie kann ein ökonomisches Modell mit der Achtung von menschlichen
Grundbedürfnissen und Chancengleichheit in Einklang gebracht werden?
Bei diesen neuen Sachzwängen geht es um die immaterielle Wertschöpfungskette
und den Arbeitsraum.
Industrie und Wirtschaft stützten sich lange auf die Nutzung der
materiellen WertschöPfungskette. Das explosionsartige Wachstum der
"immateriellen" Dienstleistungen hingegen ist ein Phänomen
der neueren Zeit, wie auch der durch das Internet möglich gewordene
Durchbruch des "elektronischen Handels" auf globaler Ebene. In
der materiellen Wertschöpfungskette ist ein Mensch traditionell durch
drei klassische Faktoren mit einem Unternehmen verbunden: durch den Ort
(für die Kontrolle seiner Arbeit), die Zeit (als Grundlage seines
Gehalts) und die Funktion (individueller Aufgabenbereich innerhalb des
Unternehmens). Durch die Desynchronisierung, Delokalisierung und Entmaterialisierung
entsteht somit eine neue Klasse von arbeitenden Menschen. Auf den Bauer,
den Fabrikarbeiter und den Angestellten folgt der "Wissensarbeiter",
der fähig ist, mit Symbolen und abstrakten Daten umzugehen und sie
zu Produkten mit höherem Mehrwert zu verarbeiten.
Diese Entwicklung vollzog sich zuerst bei den Finanzprodukten und dehnte
sich danach auf die gewerblichen und industriellen Erzeugnisse aus. Durch
die neuen Telekommunikationsmittel ist aus dem Finanzplatz ein Finanzraum
geworden. Der Kapitalfluss, der durch die neue Infon-nationsgesellschaft
begünstigt wird, mündet in die Globalisierung der Wirtschaft.
Die Ausbreitung
lobalisierung der Wirtschaft. Die Ausbreitung des elektronischen Handels
und sichere Transaktionsmöglichkeiten schliesslich machen aus dem
Marktplatz einen Marktraum.
Dieser weltweite Markt schafft neue Schwierigkeiten im Zusammenhang
mit lokaler Besteuerung, Zollgebühren und geistigem Eigentum. Die
amerikanische Regierung schlägt vor, auf diese Probleme mit Steuerbefreiung
oder genauer der Einrichtung von Duty-Free Zonen für den elektronischen
Handel auf dem Internet zu reagieren - ein raffinierter Schachzug, wenn
man die dominierende Position amerikanischer Unternehmen auf dem Net bedenkt,
mit dem der angesprochene Vorsprung des etablierten Anbieters weiter gestärkt
wird. Bei der Frage des Übergangs vom Arbeitsort zum Arbeitsraum jedoch
blockiert sich das System: Das eigene Heim, die Arbeitsstelle, der Lebensraum,
die Lebensqualität oder die Kultur sind mit dem an kein Territorium
gebundenen Cyberspace schwer vereinbar.
Das Aufkommen des Cyberspace verändert den Arbeitsmarkt, und die
Entmaterialisierung des Handels beeinflusst die Gesetze der Wirtschaft.
Am erfolgreichsten sind jene Unternehmen, welche die Bedeutung der Hebelwirkung
in der Infonnationsgesellschaft erkannt haben. Indem sie die materiellen
Wertschöpfungsketten mit den immateriellen Wertschöpfungsketten
koppeln, verzeichnen sie punkto Wachstum und Schaffung von Arbeitsplätzen
Rekordwerte. Solche Ketten basieren auf der Schaffung von virtuellen Gemeinschaften
von Benutzern und Käufem, der Verbesserung der Websites durch die
Anwender, einem Kundendienst in Echtzeit rund um die Uhr und sicheren Transaktionen.
Diese Elemente sind die Schlüssel des Erfolgs von Unternehmen mit
starker Präsenz auf dem Netz wie FedEx (Transportlogistik), Cisco
(Router und Hardware für Netzwerke), Amazon (Online-Buchhandlung)
oder Auto By Tel (Online-Autovertreter).
Diese Unternehmen bereiten sich darauf vor, die Weitmärkte zu erobern.
Eine solche Veränderung der Spielregeln könnte tiefgreifende
Auswirkungen auf die Volkswirtschaften jener Länder haben, die nach
den Prinzipien einer Industriegesellschaft funktionieren. In einer Welt,
in der Geschwindigkeit die neue Dimension der Wettbewerbsfähigkeit
ist, hat jeder Rückstand eine Krise zur Folge.
Der Einfluss der Informationsgesellschaft auf die Wirtschaft ist mittlerweile
anerkannt. Sie wird die Industriegesellschaft nicht ablösen, sondern
lediglich verändern. Hauptsächlich wirkt sie als Schmiermittel
im Motor der festgefahrenen Industriegesellschaft, die unfähig geworden
ist, Wachstum und Arbeitsplätze zu schaffen. Die Informationsgesellschaft
bringt den Motor wieder in Gang, indem sie die Abläufe in der Wirtschaft
flüssiger macht und die Mobilität von Menschen und Ideen fördert.
Sie trägt zur Entstehung neuer Marktnischen mit gegenseitiger Synergiewirkung
bei und löst so leistungssteigernde Mechanismen aus, ein Kreislauf,
der für die neue vernetzte Wirtschaft charakteristisch ist.
Es bleibt jedoch die eine Frage: Wie können die Anforderungen der
neuen Wirtschaftsform mit der Erhaltung der geographischen, kulturellen
und identitätsstiftenden Wurzeln unter einen Hut gebracht werden?
Chancengleichheit, Achtung der humanistischen Werte und der Würde
der Arbeit, der sozialen Sicherheit und des Arbeitsschutzes sowie Zugehörigkeit
zu einem "Land" sind Grundbedürfnisse und Elemente, die
dem Leben einen Sinn geben. Wie sollen diese Bedürfnisse, diese Grundlagen
für Solidarität und Umverteilung in einer Gesellschaft, die den
Menschen achtet, in einer "cyberliberalen" Wirtschaft geschützt
werden?
Die Risiken, die der Eintritt in den neuen "Zeit-Raum" mit
sich bringt, müssen in Kauf genommen werden. Dies wird künftig
eine Grundvoraussetzung sein, um zu überleben. Wir müssen versuchen,
die positiven Elemente zweier wirtschaftlicher und sozialer Modelle miteinander
zu verknüpfen. Auf der einen Seite steht das amerikanische Modell,
von dem gesagt wird, es fördere Wachstum und Lohnniveau, allerdings
auf Kosten der Stabilität der Beschäftigung und mit der Gefahr,
zu einer Bereicherung der Starken, einer Verarmung der Schwachen und einer
Gesellschaft der Gewalt zu führen. Ihm gegenüber steht das europäische
Modell, das angeblich die soziale Sicherheit und die Beschäftigung
über das Wachstum stellt, aber langfristig zu höheren sozialen
Kosten der Arbeit und zu einem grösseren Rückstand im internationalen
Wettbewerb führt.
Ein aus dieser Verknüpfung hervorgegangenes drittes Modell fördert
würde den Fluss der Wirtschaft, das Wachstum und die industrielle
Dynamik auf der Grundlage technologischer Innovation fördern, parallel
aber auch die soziale Sicherheit, die Würde der Arbeit und die Chancengleichheit
garantieren. Dieses Modell ist keine Utopie. Frankreich kann sich den Zuang
zur InformatiOnsgesellschaft erschliessen, indem es leistungsfähige
Kommunikationswerkzeuge und wesentliche Unterstützung für die
Schul- und Berufsausbildung bereitstellt, um so eine sichere Grundlage
für diesen wichtigen Schritt in die Zukunft zu schaffen. Es muss,
mit anderen Worten, die Schulen an das Internet anschliessen, vermehrt
einfache und preiswerte Terminals einsetzen, die Ausbildung auf allen Ebenen
der Gesellschaft, also auch in allen Altersgruppen und sozialen Schichten
intensivieren, die Gründung von Multimedia-Unternehmen fördern
und sich mit seiner eigenen Kultur und in seiner eigenen Sprache den Ressourcen
des Cyberspace öffnen.
Es ist nun dringend nötig, eine Strategie umzusetzen. Die laufende
Entwicklung ist für unsere Zeit ebenso wichtig wie das Aufkommen der
Eisenbahn, die Elektrifizierung oder die Erfindung des Telefons für
die jeweilige Epoche. Für die heutigen Telefon-, Kabel- und Satellitennetze
müssen Interkonnektionsnormen bestimmt werden, um die Kapazitäten
zu erhöhen. Im Zentrum steht die "Lemkurve": Je früher
man einsteigt, desto höhere Renditen werfen die Anfanggittvestttton-en
ab, Reichhaltige und originelle Onhalte zu schaffen mit dabei wesentlich
wichtiger. als die "Leitungen" der Netzwerke zu verlegen. auch
wenn die Ingenieure dazu eine andere Meinung haben. Eine vielfältige
Palette von technischen Entwicklungen, die den Märkten Optionen offenlässt,
ist auf die Dauer gewinnträchtiger als die Festlegung eines bestimmten
technischen Standards.
Entscheidend wird von nun an die Präsenz sein. Präsent zu
sein bedeutet, zu existieren und mit gleich langen Spiessen wie die Mitstreiter
zu kämpfen. Wie kann man ohne Standbein im Cyberspace auch nur daran
denken, an der Zukunft bauen zu wollen?
2. Neue Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine
Für die elektronischen Netzwerke, die neuen Medien und die Datenautobahnen,
aus denen der Cyberspace besteht, werden neue Schnittstellen zwischen dem
menschlichen Gehirn und dem Computer benötigt werden. Eine besondere
Rolle werden dabei die intelligenten Agenten, die virtuelle Realität
und die ständige elektronische Verbindung zum Arbeitsort spielen.
Die Räume des Cyberspace versprechen eine erdrückende Fülle
von Informationen: Stossverkehr auf den elektronischen Autobahnen, Unmengen
von Datenbanken und interaktiven Netzwerken ... Sich in diesen Netzen zurechtzufinden,
darin zu navigieren, zu "surfen", Dienstleistungen in Anspruch
zu nehmen, unzählige Passwörter, Schlüssel und Codes zu
verwenden, wird unmöglich sein. Man wird einen " intelligenten
Agenten" brauchen, der sich im Labyrinth der Verknüpfungen zurechtfinden,
relevante Informationen sortieren und auswählen, Strategien zur Erschliessung
neuer Kenntnisse vorschlagen und die riesigen Mengen von Daten, die von
den angeschlossenen Computern erzeugt werden, ordnen und wiederfinden kann.
Aber wie werden diese Helfer aussehen? Als Agenten werden spezielle Hilfsprogramme
bezeichnet, die alle Funktionen eines Computers oder Netzwerks mit ständiger
elektronischer Hilfe unterstützen. Sie versuchen zunächst, die
wahrscheinlichsten Aktionen des Benutzers zu antizipieren. Nach einer Phase
der Einarbeitung und der gemeinsam mit dem Anwender gemachten Erfaluungen
lernen die Agenten, Routineaufgaben automatisch auszulftihren.
Dadurch werden sie bald einmal unerlässlich, wenn es darum geht,
mit jemandem zu einem bestimmten Zeitpunkt rasch in Verbindung zu treten.
Untersuchungen haben gezeigt, dass in Notfällen nur gerade einer von
vier Anrufen ankommt, während die anderen nur Zeitverlust zur Folge
haben. Darauf reagieren grosse Telefongesellschaften und Informatikfinnen
mit der Entwicklung von intelligenten Benachnchtigungssystemen, die es
ermöglichen, verschiedene. Kommunikationsmittel so zu verbinden, dass
die gesuchte Person ausfindig gemacht werden kann, wo auch immer sie sich
gerade befindet. Mit fast menschlicher Sprache und Ausdrucksmöglichkeiten
in der Form von klaren Symbolen ausgestattet, werden die Agenten zu echten
intellektuellen Assistenten, mal unterhaltsam, mal ironisch oder kritisch,
immer vertraut und oft unentbehrlich.
Innerhalb von kaum fünf Jahren hat die virtuelle Realität
(VR) die Informatik- und Medienwelt erobert. Bei dieser Kommunikationstechnik
werden mit Hilfe des Computers virtuelle Räume geschaffen, in denen
sich der Benutzer in einer aus künstlichen Bildern rekonstruierten
Umwelt bewegen und mit ihr in Kontakt treten kann. Sensoren, die in einem
Datenhelm eingebaut sind, registrieren die Bewegungen des Kopfes und ermöglichen
dem Computer, dem geänderten Blickwinkel entsprechend neue Bilder
zu berechnen und zu erzeugen. Trägt man spezielle Datenhandschuhe,
die ebenfalls mit Bewegungssensoren ausgerüstet sind, kann man auf
dem Bildschirrn animierte Finger sehen, die man in der virtuellen Welt
wie die eigenen bewegen kann. So kann man echten Objekten nachempfundene
"elektronische Objekte" ergreifen, Schalter und Hebel betätigen,
Motoren starten, Flugzeuge steuern oder einen virtuellen Patienten operieren.
Die virtuelle Realität kann in verschiedensten Bereichen eingesetzt
werden, und die auf dieses Gebiet spezialisierten Unternehmen haben bereits
unzählige Systeme und Schnittstellen entwickelt.
Dank VR kann der Mensch in Zukunft nicht nur über Stimme, Augenbewegungen
und Position von Kopf, Händen oder anderen einzelnen Körperteilen,
sondern mit dem ganzen Körper mit dem Computer kommunizieren. Bald
wird er der Maschine über leichte Sensoren auf der Haut bioelektrische
Impulse aus verschiedenen Teilen des Körpers übermitteln; und
schliesslich wird er direkt mit Hilfe seines Gehirns kommunizieren, d.h.
durch die Neuronenaktivität im Gehirn, die anhand der Veränderungen
im zerebralen Magnetfeld gemessen wird.
Die virtuelle Realität ist mehr als bloss eine Kommunikationstechnologie,
sie ist eine offene Tür zu neuen Räumen. Der Mensch hat immer
davon geträumt, sich mit grosser Geschwindigkeit fortzubewegen, sich
von den Fesseln der Schwerkraft zu befreien, über grosse Distanzen
zu kommunizieren und zu sehen. Diese Träume erfüllt er sich heute
mit dem Auto, dem Flugzeug, dem Telefon und dem Fernsehgerät. Doch
die Möglichkeit, überall zugleich zu sein, Teleporter, Telepräsenz,
Veränderungen des Aussehens, Verdoppelung der Person, die auch wieder
rückgängig gemacht werden kann, Klonen des eigenen Körpers
oder die Aufhebung physischer Grenzen schienen unerreichbar zu sein. In
diesen Bereichen bieten sich durch die virtuelle Realität völlig
neue Möglichkeiten.
3. Das intelligente Unternehmen: eine "Raffinerie des Wissens"
Die Schnittstellen zum Cyberspace werden laufend verbessert werden und
den Verbindungen in biologischen Netzwerken immer ähnlicher sein.
Man wird mit Mischformen aus PC, Telefon und Fernseher arbeiten, die nicht
mehr mit Kabeln an das Telefonnetz oder an die Steckdose angeschlossen
werden müssen und klein, tragbar und mobil sind. Leistungsstarke Batterien
machen die Geräte für Tage von der Stromversorgung unabhängig.
Die Kommunikation erfolgt mündlich, wobei man in norrnaler Sprechweise
und ohne Pausen zwischen den Wörtern reden kann. Die Maschine antwortet
je nach Wunsch mit einer männlichen oder weiblichen Stimme. Animierte
zwei- oder dreidimensionale Gesichter erscheinen auf dem Bildschirrn, um
den Kontakt persönlicher zu gestatten. Sie können in Form dreidimensionaler
Figuren sogar aus dem Bildschirm heraustreten (virtuelle holographische
Klone oder optische ProJektIonen). Die Geräte können Handschriften
und sogar gekritzelte Notizen lesen. Dazu benützt man einen flexiblen
elektronischen Notizblock, der aussieht wie ein Blatt Papier. Die Maschinen
erkennen Gesichtszüge und -ausdrücke, Gesten und Körperbewegungen.
Aus diesen Beobachtungen gewinnen sie Informationen, die ihnen helfen,
uns besser zu verstehen und mit uns zu kommunizieren. Sie registrieren
auch Gerüche und Düfte, die sie als zusätzliche Inforrnationsquellen
nutzen.
Die tragbaren Ausführungen dieser leistungsstarken Geräte
passen wie ein Portemonnaie problemlos in die Hosentasche. Sie kommunizieren
mit uns auf diskrete Weise, indem sie uns drahtlos ins Ohr sprechen, durch
Induktion oder durch Radiowellen, oder indem sie Text und Bilder, die vor
den Augen zu schweben scheinen, auf dem virtuellen Bildschirm einer leichten
Brille anzeigen. Die Schnittstellen mit der virtuellen Realität sind
einfach und unauffällig. Statt Helme trägt man 3D-Brillen mit
drahtlosen Kopfhörern, und die Handschuhe werden durch Sensoren an
den Handgelenken oder an anderen Stellen ersetzt, welche die bioelektrischen
Impulse registrieren, die von den Nerven an die Muskeln geschickt werden.
Umgesetzt werden die Bewegungen durch einfache und leichte Systeme. Dank
ergonomisch angepasster Produkte ist es jederzeit möglich, in die
virtuelle Welt einzutauchen.
Das Gehirn steht über diese Hilfsmittel in ständiger Verbindung
mit den Netzwerken. Dadurch kann der Anwender jederzeit auf schnelle Rechner
Zugreifen, deren Leistungsfähigkeit jene von PCs deutlich übertrifft.
In den Räumen des Cyberspace werden Laborarbeiten, gemeinsame Experimente
und Recherchen in riesigen virtuellen Bibliotheken möglich sein. Dabei
wird das Gefühl vermittelt, dass man sich tatsächlich zwischen
den Bücherreihen bewegt. Geöffnet werden die Bücher, indem
man auf den Umschlag klickt; Typographie und Farbbilder entsprechen jenen
der echten Bücher. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren virtuelle
Supermärkte, Boutiquen, Versandhauskataloge, Objektpräsentationen,
Manipulationen von Molekülen oder die Reise durch einen Mikrokosmos.
Die Schnittstellen zu den Netzwerken der Netzwerke werden durch die
verbreitete Anwendung von sprachgesteuerter Bedienung, den automatischen
Verbindungsaufbau über allgegenwärtige Computer und die intelligenten
Agenten radikal verändert.
So wie man heute neben Wegwerfkugelschreibern ebenfalls sein persönliches
Schreibgerät benutzt, wird auch der PC weiterhin Verwehdung finden.
Allerdings wird er kein persönliches Arbeitsgerät mehr sein,
sondern in die Umwelt integriert werden. Durch Senkung der Kosten, Steigerung
der Leistung und Miniaturisierung wird er zu einem Hilfsmittel, von dem
es in jedem Büro Dutzende gibt, die als Notizblöcke, elektronische
Badges oder intelligente "Postit"-Zettel dienen. Der Computer
muss nicht mehr mobil sein, da er Teil der Umwelt ist. Er wird zu einem
"Ubicomp", einem allgegenwärtigen Computer, fast zu einem
Wegwerfgerät. Überall stehen Computer bereit, die uns an unserem
interaktiven Badge erkennen. Sie kommunizieren drahtlos, über Radio-
oder Infrarotwellen, mit Netzwerkcomputem oder anderen "Ubicomps"
in ihrer unmittelbaren Umgebung. Man braucht nicht mehr erst eine Verbindung
aufzubauen, um zu erfahren, ob man eine neue Nachricht im elektronischen
Briefkasten hat; man wird von einem Agenten darauf aufmerksam gemacht,
der die Nachricht auf Wunsch auch gleich vorliest.
In grossen Unternehmen tragen die Angestellten Badges, die ihre Bewegungen
registrieren. Kameras zeichnen den Weg von Personen und Dokumenten auf.
Zur Wahrung der individuellen Privatsphäre werden dabei bestimmte
Verfahren festgelegt, die von den Anwendern laufend überprüft
und angepasst werden. Die ganze Organisation erleichtert so die Speicherung
von Fakten, Ereignissen, Transaktionen oder Sitzungen und die Verwendung
und Einordnung von Daten. Bei Sitzungen, Konferenzen oder Seminaren halten
die Computer die Aussagen der Teilnehmer fest und erstellen Zusammenfassungen,
die jederzeit auf dem Netz abgerufen werden können. Ausserdem benutzt
man auch elektronische Notizblöcke, die an Videokameras gekoppelt
sind. Klickt man eine Notiz an, erhält man umgehend Zugriff auf die
entsprechende Aufzeichnung.
Das Ziel dieser kollektiven Kommunikations- und Speichertechniken ist
eine Steigerung der Intelligenz des Unternehmens. Früher dienten die
Hilfsmittel und Werkzeuge vor allem dazu, die Effizienz und Produktivität
des einzelnen zu verbessern. Heute konzentrieren sie sich auch auf die
übergeordnete Organisation, deren Intelligenz entwickelt werden soll
Das Unternehmen verwandelt sich von einer statischen Informationsstruktur
in ein dynamisches Kommunikationssystem, oder wie es John Seely Brown,
Direktor von Xerox PARC, ausgedrückt hat, in eine "Raffinerie
des Wissens".
4. Interaktives Marketing, elektronischer Handel und partizipative Demokratie
Interaktives Marketing ist eine Marktforin, die durch die Umkehrung
des klassischen Pfeils vom Angebot des Produzenten zur Nachfrage des Konsumenten
entsteht. Heute werden Verbrauchsgüter in grossen Mengen produziert
und in verschiedenen Umschlags- und Verkaufspunkten (Grosshändler,
Geschäfte, Märkte, Warenhäuser) gelagert, wo die Kunden
hingehen, um die Produkte ihrer Wahl zu kaufen. Nur ein geringer Teil dieser
Einkäufe findet auf elektronischem Weg (Tele Shopping) statt. 'Die
Unternehmen wenden beträchtliche Summen für Marktstudien, Werbung
und Marketing auf, um sich einen Teil der potentiellen Käufer zu sichern.
Doch dieses System ist praktisch blind: Man kennt nur statistische Gruppen
von potentiellen Kunden, Angaben über prozentuale Marktanteile und
relativ langfristige Wachstumsprognosen.
Dies ändert sich aber durch die Rückmeldung in Echtzeit, wie
beispielsweise in interpersonellen Kommunikationsnetzen über Computer
oder interaktive Fernseher. Der Pfeil dreht sich und zeigt nun von der
Nachfrage zum Angebot. Die Kunden geben ihren Wünschen detailliert
und in einem kontinuierlichen Fluss Ausdruck, denn über Fernbedienungen,
PCs, Fernsehgeräte oder intelligente Telefone in ihrer Wohnung treffen
sie laufend Entscheidungen. Durch Einbezug dieser Direktinformationen können
die Produzenten dank der Flexibilität der automatisierten Abläufe
ihre Lagerbestände genauer regulieren, die Produktion entsprechend
anpassen und so daraus Nutzen ziehen.
Das interaktive Marketing wird in einigen Bereichen zu einer explosionsartigen
Ausweitung, in anderen zu einer Einschränkung der Angebotspalette
führen. Unzählige Nischen werden entstehen, die jeweils auf die
Wünsche und Bedürfnisse einer kleinen Kundengruppe zugeschnitten
sind. Der Markt der Massenprodukte wird zu einem personalisierten Markt,
und zwar in einem bisher unerreichten Ausmass. Die Informationsschleife,
in die der Kauf durch den Konsumenten, die Bestellung des Materials für
die Produktion und die Herstellung des Produkts eingebunden sind, wird
sich noch enger zusammenziehen. Dadurch werden die Unternehmen in der Lage
sein, innerhalb von wenigen Wochen oder sogar Tagen auf plötzliche
Konsumtrends reagieren zu können. Die Kombination von interaktiven
Marketingnetzwerken (die wertvolle Rückmeldungen liefern) und flexiblen
Fabriken (mit computerintegrier-ten Produktionssystemen) macht die beinahe
biologische Natur dieser Produktionsmethode aus: Das Angebot passt sich
laufend der Nachfrage an.
Koordinierte und ineinandergreifende Handlungsabläufe sind ohne
Rückmeldung von Informationen in Echtzeit nicht möglich. Es ist
unbedingt notwendig, die Auswirkungen des eigenen Vorgehens zu messen und
es mit jenem der anderen zu vergleichen. Heute werden Hilfsmittel und Kommunikations-
und Verarbeitungssysteme verwendet, mit denen Informationen von der Basis
einer Organisation zu den Entscheidungsträgem transportiert werden.
Der heutige Umfang solcher Rückmeldungen im Rahmen der Gesellschaft
ist hingegen noch sehr beschränkt. Ein Wahlergebnis gibt den Willen
der Wähler nur unzureichend wieder, doch im Zuge der wachsenden Bedeutung
der Medien sind verschiedene indirekte Mittel der Rückmeldung entstanden.
Vor einer Kamera gewinnt eine Demonstration emotionale Aussagekraft und
damit beträchtlichen Einfluss. Eine andere, subtilere Art der Ruckmeldung
sind Meinungsumfragen in der Presse. Sie wirken ständig als Spiegel
und setzen einen Regulierungsprozess in Gang, der zu positionellen Angleichungen,
zu Anpassungen und zu Umstellungen führt. In Demokratien, in denen
Mehrheit und Opposition Kopf an Kopf bei 50% liegen und es bei den Wahlen
auf wenige Prozente ankommt, üben sie einen beträchtlichen indirekten
Einfluss aus. Auch in der Wirtschaft gibt es gesellschaftliche Rückmeldungen
in Echtzeit. Unzählige Entscheidungen von Käufern und Verkäufern,
Werbung, Mundpropaganda und die eventuelle Boykottierung von Produkten
sind Faktoren einer Entwicklung, die aufgrund der chaotischen, gleichzeitig
stattfindenden und oft irrationalen Handlungen nur schwer vorhersehbar
ist.
Durch die aufkommende elektronische Interaktivität wird die Bedeutung
dieser Infonnationsschleifen in den nächsten Jahren weiter zunehmen.
Heute kann sich das Publikum bereits per Telefon oder Minitel mit einer
persönlichen Meinung an Radio- oder Femschsendungen beteiligen. Hier
eröffnet sich durch die Bildschirmtelefonie eine neue Dimension-.
Über Bildtelefone an öffentlichen Plätzen können sich
Gesprächspartner direkt in Fernsehsendungen zu Wort melden.
Die grosse, weltumspannende Kommunikation über Computernetzwerke
birgt viele neue, auch beunruhigende Möglichkeiten. So schlagen die
Pioniere des Internet die Schaffung eines "elektronischen Parlaments"
vor, das es den Bürgern ermöglicht, laufend über eine Reihe
von Themen abzustimmen. Ross Perrot, amerikanischer Milliardär und
ehemaliger Präsidentschaftskandidat, hatte in seiner Wahlkampagne
versprochen, in jedem Haushalt der USA eine "elektronische Wahlurne"
zu installieren.
Diese Art globaler Rückmeldungen aus der Gesellschaft ist äusserst
gefährlich und droht unerfreuliche und unerwünschte Auswirkungen
zur Folge zu haben. Die Möglichkeit, auf Fragen der höchsten
Führungsinstanzen umgehend antworten zu können, kann zu kurzlebigen
Trends und irrationalen Tendenzen führen, die von der Aktualität
rasch wieder eingeholt werden. Dieser gesellschaftliche "Kurzschluss"
missachtet die für die besondere Dynamik sozialer Systeme typischen
Antwortfristen. Er ist kurzfristig und emotional ausgerichtet, so wie es
die Medien mögen, hat aber kein echtes konstruktives Potential für
langfristige Entwicklungen. Dies ist auch der Grund, weshalb die Zwischenstationen
(Lokalpolitiker, gewählte Vertreter, führende Persönlichkeiten,
Abgeordnete) für den Infonnationstransport unentbehrlich sind- Sie
wirken als Puffer, welche die Meinungsschwankungen dämpfen und den
Einfluss der Medien abschwächen. Die Auseinandersetzungen und Abwägungen,
die langwierigen Prozesse und die Sachzwänge des sozialen Systems
sind somit indirekte Schutzmechanismen. Sie nehmen den Schwankungen die
Spitzen, reduzieren den Lärm im Umfeld und schälen die langfristige
Grundausrichtung heraus, auf der sich eine Politik aufbauen lässt.
Obwohl die neuen Gegenkräfte, die aus den interaktiven Netzwerken
entstanden sind, ihren Platz erst noch finden müssen, stellen sie
eine der grossen Chancen der gesellschaftlichen Regulierung für die
Demokratien des dritten Jahrtausends dar. |